J’me barre


Tokio…ein erster Versuch
Mai 22, 2008, 2:15 nachmittags
Einsortiert unter: Japan, Tokio | Schlagwörter:
Nach einigen Tagen Funkstille melde ich mich mal wieder zu Wort. Dieser Post hat einfach eine Weile gebraucht um zu reifen. Anlaesslich meines ersten Ausbruchs aus der Idyle der Provinz Nagano-ku nach Tokio hat sich mir zum ersten Mal die Gelegenheit geboten einen Vergleich zu ziehen, bzw. eine Praeferenz zu finden zwischen Stadt und Land. Letztendlich moechte ich an dieser Stelle aber noch nicht endgueltig und allumfassend bewerten, aber Eins nach dem Anderen:
19.5.

Zum Einloesen meines Japan Rail Passes, eine Art Interrail-Ticket fuer das man in Deutschland nur einen Voucher bekommt, musste ich mich auf den Weg nach Tokio machen und das geht am billigsten mit dem Bus. Beim Warten auf selbigen fiel mir sofort die ausserordentliche Armut japanischer Staedte an Stadtmoebeln auf, sprich Baenke, Muelleimer und Uhren. Uhren hab ich spaeter festgestellt gibt es meist in Form von fassadenfuellenden, zur vollen Stunde laut quieckenden, kitschigen Kuckucksuhren. Das fehlen von Baenken laesst sich mit dem Lebensrythmus der Leute erklaeren. Man verweilt nicht, da dazu die Zeit fehlt. Schueler haben nach der Schule abends privat noch Unterricht und die arbeitende Bevoelerung ist froh nach der Arbeit schnell nach Hause zu kommen. Man hat keine Zeit zu verlieren.

Zielstation des Buses war Tokio-Shinjuku. Mit zwei Millionen Passagieren weltgroesster Umsteigebahnhof. Schock. Nicht nur die schiere Groesse und Unuebersich im Sueden tlichkeit, sondern auch das Wetter, das ein paar Grad waermer und dazu noch schwueler als in den Bergen war lassen mich ein wenig die Orientierung verlieren. Mit meinen zwei Reisefuehrern inkl. Stadtplaenen fuehle ich mich denoch einigermassen der Lage gewachsen. Der Bus kam am West exit an, das Japan Rail Ticket office liegt am Ost-Exit. Kein Problem. Einmal quer durch und man ist da. Warum ich letztendlich im Sueden wieder rausgekommen bin laesst sich mit den gefuehlten 20 Einkaufszentren erklaeren, die Teil des Bahnhofs sind, und die einen zu staendigen Richtungswechseln zwingt erklaeren. Der zweite Versuch endete am East central exit. Knapp daneben ist auch vorbei. An dieser Stelle kam mir der erste Arbeitstitel des anstehenden Blogpostes in den Sinn: Tokio-Come in and find out (you won`t). Durch den Bahnhof schien es nicht zu gehen, soviel war jetzt schon klar, also aussen rum und siehe da: success!!!

Ausgestattet mit meinem Rail Pass hab ich mich anschliessend an die Erkundung der naeheren Umgebung gemacht. Shinjukulaesst sich im Allgemeinen in zwei Teile einteilen. Im Westen das neue Hochhaus- und Verwaltungsviertel von Tokio und im Osten das Rotlicht- und Vergnuegungsviertel. Nach einer Stunde Wanderung durch den Osten war ich nahezu erblindet. Leuchtreklame ueberall und die tokioter Jugend, die modetechnisch einiges von sich haelt, bei mir aber Augenkrebs und Kopfschuetteln ausloest. Alles Clowns, sorry aber das ist alles was mir dazu einfaellt. Frauen wie Kerle (wobei man die auch schon wieder zu den Frauen zaehlen kann oder warum tragen alle Handtaschen, vorzugsweise von Luis Vuitton mit sich rum und tragen Haarspangen???).

Shinjuku

 

Shinjuku

Um ein wenig Abstand zu gewinnen mach ich mich auf in den Westen und such mir erstmal was zu essen. Gestaerkt geht es weiter zum Metropolitan Gouvernement Building, dem Rathaus von Tokio. Die Aussichtsplattform im 45. Stock gibt einem die Moeglichkeit sich einen Ueberblick ueber die gesamte Stadt zu verschaffen und an guten Tagen erlaubt die Weitsicht einen Blick auf den Fuji-san. Da es aber diesig war bleibt mir der Blick darauf versperrt. Hier faellt der Entschluss ihn sich einfach mal aus der Naehe anzuschauen. Danach geschafft in nen Manga Cafe, da ich auf die Spielhoellen mit den vielen Lichtern nicht mehr wirklich Lust hatte. In Mangakaffees kann man wie der Name schon sagt sich Mangas ausleihen soviel man will, DVDs gucken und im Internet surfen. Ich entscheide mich fuer Letzteres und guck mir das zweite Viertelfinalspiel von Alba an. Da ich das Ergebnis schon kannte war es aber nicht wirklich spannend und ich schreibe lieber Emails.

 

Rathaus

 

 

 

Blick vom Rathaus

 

 

 

Noch ohne Bleibe fuer die Nacht stellt sich die Frage: im Mangacafe oder doch das Kapselhotel. Die Wahl faellt erneut auf Letzteres. Viel zu erzaehlen gibt es dazu eigentlich nicht. Is halt ne Kapsel und die ist eng und ich habe nicht ganz japanisches Koerpermass, also ist es SEHR eng und obwohl ich mich fuer die Upgradekapsel entscheide, die mit einem air purifier angepriesen wird ist es auch SEHR stickig. Und trotz der ebenfalls angepriesenen besseren Schallisolierung hoert man die japanischen Geschaeftsmaenner (in Capsules Maenner only und Tattoos sind verboten, damit keine Yakuzas reinkommen) schnarchen. Fazit: once in a lifetime experience. Muss man nicht unbedingt machen ist aber ne Erfahrung mehr.

Folterkammer

 

20.5.
Morgens muss ich feststellen, dass nicht nur Geschaeftsmaenner, die den letzten Zug verpasst haben sich in den Kapseln einmieten, sondern auch Obdachlose, die es im Zuge der Globalisierung inzwischen auch hier gibt. Aufgrund der uniformen Schlafanzuege, die jeder bekommt faellt mir das aber erst beim wiederanziehen an den Spinden auf. Draussen regnet es, also erstmal n Kaffee in dem Internetcafe von gestern geschluerft. Danach ein entspannterer Spaziergang durch Shinjuku als gestern. Die Leuchtrekklamen sind zwar auch um 10 Uhr morgens schon an, aber die Strassen sind leerer. Fuer den Nachmittag bin ich mit Dominique, der diesen Tag beruflich nach Tokio kommt in einem Hotel nahe dem Kaiserpalast verabredet.
Die verbleibenden Stunden nutze ich um nach Akibahara das tokioter Elektronik-Shopping-Viertel zu fahren. Auf dem Weg dahin laueft mir ein Sumoringer ueber den Weg. In Akibahara haben einige Laeden spezielle Abteilungen fuer Gaijins (Auslaender) in denen man Duty free einkaufen kann. Ausserdem haben die Geraete die passenden Stromstecker und laufen auf 240 Volt, statt der hier ueblichen 100 Volt. Ich wiederstehe trotzdem der Versuchung mir irgendetwas zu kaufen, dessen technische Neuerung, wie eine Kamera mit automatischer Laecheln-Erkennung zu kaufen. Ich gehe lieber in ein CD-Geschaeft und kaufe mir eine CD Nihon-go Reggaemusic (japanischen Reggae) nachdem ich schon seit sechs Jahren auf der Suche bin, seit ich in nem Hotel an der Gold Coast Australiens zwei Japaner getroffen habe, die welchen dabei hatten.

 

 

 

Akibahara

An dieser Stelle muss ich mal ein Lanze brechen fuer den japanischen Service. Der Verkaeufer sah zwar nicht so aus, als ob er jemals Reggae gehoert haette, aber er hat sich gleich eifrig auf die Suche gemacht und selbst nachdem er mir eine CD gebracht hatte und ich dachte er haette mich vergessen hat er noch weiter gesucht und kam zehn Minuten spaeter mit nem ganzen Stapel an. Es gibt hier ausserdem noch Tankstellenwaerter die man aus dem Auto heraus bezahlt und die dann zur Kasse RENNEN, damit man nicht so lange warten muss. In den Kaufhaeusern gibt es gefuehlt einen Verkaeufer pro Regal und ausserdem Rolltreppenwaechter. An jeder noch so kleinen Strassenbaustelle stehen zwei Posten mit Fahnen, die den Verkehr regeln und das Putzpersonal der Bahn verneigt sich erfurchtsvoll vor dem einfahrenden Schnellzug.

 

Nachmittags dann mit Domi getroffen und zusammen im Shinkansen zurueck nach Nagano. Damit endet dann auch mein erster Trip nach Tokio. Man braucht definitiv seine Zeit sich zu aklimatisieren und letztendlich habe ich auch noch nichts gesehn. Es waere so als wuerde man ueber Berlin urteilen nachdem man nur den Bahnhof Zoo gesehen hat. Ein zweiter Trip ist schon in Planung fuer naechste Woche, allein schon um von dort aus in Richtung Fuji-san aufzubrechen. Wie gesagt man muss Tokio gesehen haben um Japan zu verstehen, die Seele des Landes liegt aber ganz woanders.

Shinkansen

Eigentlich hatte ich jetzt noch vor das Kontrastprogramm der folgenden zwei Tage zu bloggen, aber der Sake und die Muedigkeit machen mir gerade einen Strich durch die Rechnung. Ausserdem muss ich mein Bildmaterial noch ein wenig sichten, da ich in den letzten beiden Tagen locker dreimal soviele Bilder geschossen habe, wie in den zwei Tagen in Tokio.

 

Ein kleiner Vorgeschmack:

 

 




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