Ichi for the michi
24.5.
Zunaechst einmal helfe ich Dominique den gesamten Vor- und Nachmittag einen Apfelbaumhain von seinen Baeumen zu befreien, sprich wir holen Feuerholz. Und das, obwohl mir der Iizuna noch gewaltig in den Beinen steckt.
Die Zeit wird knapp und wir muessen uns fertig machen, denn wir gehen zu einer Hochzeit, bei der Dominique darum gebeten wurde die Festreden vom japanischen ins deutsche zu uebersetzen. Dabei sollte ich Ihn unterstuetzen. Die Zeremonie im Tempel wurde schon am Nachmittag im Chusha-Schrein abgehalten und wir gesellen uns zum anschliessenden Fest, dass im Ryo-Kan (japanische Herberge) von Takajama-san einem Freund von Domi und Sylvie, der ausserdem Shinto-Priester ist, stattfindet. Zunaecht helfen wir alle noch backstage in der Kueche mit. Hier kann ich meine Erfahrungen als Steward bei Capital Catering voll ausspielen. Mein Sprachtalent ist danach weniger gefragt, weil Domi sich ganz gut macht. Sein Deutsch war etwas angestaubt, aber fuenf Jahre Berlin-Kreuzberg haben ihn nicht ganz losgelassen und es er muss letztendlich nicht von japanisch nach deutsch uebersetzen, sondern andersherum. Ich werde in der Zeit als Zimmermaedchen eingeteilt und darf Futons beziehen, nutze die Zeit aber nebenbei um mein Zaehlfaehigkeiten von drei auf unglaubliche fuenf auszubauen. Ichi, ni, san, yong, go. Am Ende lerne ich dann noch Wadi (fertig).
Jetzt duerfen wir auch endlich essen und gesellen uns zu der Festgemeinschaft. Die Haelfte ist aus Deutschland angereist, bzw. sind deutsche Kollegen des Braeutigams Friedemann, der in Yokohama beim TUeV arbeitet. Darunter tut sich mir auch ein Kontakt in Schanghai auf. Das essen ist fantastisch und selbst diejenigen, die bisher Fischverweigerer waren koennen nicht wiederstehen.
Danach geht es zum obligatorischen Alkohol ueber. Zunaechst Bier (das japanische ist erstaunlich gut) ueber Sake kommen ploetzlich eingeflogene kleine Feiglinge zum Vorschein. Das nutzen wir Deutschen um uns als Saufbotschafter zu betaetigen und je oefter das sinnlose Ritual mit dem Flaschendeckel auf der Nase vorgefuehrt und nachgemacht wird steigt der Pegel langsam, bzw. etwas schneller bei den Japanern, womit ich feststellen muss, dass dieses Vorurteil keins ist. Sie vertragen wirklich weniger. Dabei lerne ich von den expats gleich noch ein wenig japanisch (siehe Posttitel). Heisst soviel wie one (ichi) for the road (michi), quasi das gute alte (Heim-)Wegbier.
Aus Feigling wird Tequilla. Ich trinke ausgiebig mit dem Sohn von Takayama-san, der Koch in einem chinesischen Restaurant in Nagano ist und macht ein wenig auf Yakuza. Er nutzt sich die ihm gebotene Moeglichkeit ausgiebig mal abzuschalten, denn er hat NIE Ferien. Zunaechst fangen wir mit braunem Tequilla an der scheint ihm so gut zu schmecken, dass er sich danach gleich noch einen etwas groesseren nachschenkt. Ich hatte mich in der Zwischenzeit allerdings schon um weissen bemueht und er sah sich genoetigt seinen halben Zahnputzbecher zu exen. Den weissen gleich hinterher. Das Pegel scheint seinem Klavierspieltalent keinen Abbruch zu tun und er schmeisst fuer eine Weile die Party ganz alleine. Ich vertiefe mich in der Zwischenzeit in eine Disskussion mit Kentaro aus der Naehe von Tokio, der auch zu den wenigen Japanern gehoert, die unter dem Alkoholeinfluss standhaft geblieben sind. Dazu darf sich auch der Brautvater zaehlen, dem anzusehen war, dass er sich an diesem Tag vor seiner doytsu kazuka keine Schwaeche eingestehen will.
Die Disskussion mit Kentaro und anderen beginnt irgendwo bei einem moeglich Eu-Eintritt der Tuerkei und bleibt beim zweiten Weltkrieg und Kriegsverbrechen der Deutschen und Japaner stecken. Die Deutschen zeigen hier mehr Einsicht, in Japan wird aufgrund des weitverbreiteten Negationismus, das ganze etwas verklaerter gesehen. Bestenfalls, so wie bei Kentaro wird gesagt, dass man nicht wirklich weiss OB die Kriegsverbrechen passiert sind (siehe Wikipedia: Nanking, mein Hintergrundwissen ist hier leider auch sehr beschraenkt bzw. nicht vorhanden). Im Laufe der Disskussion wird der Sohn der Herberge, der in der Zwischenzeit aggressiv geworden ist, an uns vorbei Stuehle umwerfend zu Bett geschubst. Das ganze endet damit, dass wenig spaeter ein Krankenwagen vor der Tuer steht. Als ich den Sohn das naechste Mal sehe hat er die Arme verbunden, weil er mit der blossen Hand diverse Glasscheiben durchschlagen hat. Wie er es geschafft hat, dass sein Auge boxerlike zugeschwollen ist bleibt mir allerdings ein Raetsel.
Fazit: In Deutschland waer das doch ne nette Party gewesen oder? Um halb fuenf geht es ins Bett.
25.5
Und um 9 muss ich auch schon wieder aufstehen, da in der Kueche nach einem Fruehstueck der Abwasch wartet. Zum Abschied legt Takayama-san mir zu Ehren seine Priestertracht an und spricht ein Bittgebet fuer eine sichere Reise waehrend er auf seiner Taikotrommel spielt.
Da ich keine Fotos von der Hochzeit habe mich aber im Laufe des Nachmittags bei der ansonsten ereignislosen Besichtigungs eines weiteren Schreins von Togakuchi der Fotographie von nebelverhangenen Waeldern hingegeben habe zeig ich euch einfach ein paar der dabei entstandenen Aufnahmen.
Bitte weiterhin an der Umfrage unter jmebarre.blogspot.com teilnehmen.
1 Kommentar
Iizuna: Lost and found
23.5.
An diesem Freitag mache ich mich im Laufe des Vormittags an die Erklimmung des Mount Iizuna in dessen Schatten das Haus von Dominique und Sylvie liegt. Wiederum statte ich mich mit einer Baerenglocke aus, man weiss ja nie. Geht es am Anfang noch relativ flach durch den Wald wird das Gelaende immer anspruchsvoller. Ueber Stock und Stein geht es und das Gestruepp lichtet sich mit jedem Schritt. Mit jedem Schritt macht sich auch bemerkbar, wie mein aktueller Trainingsstand wirklich ist. Die Pausen werden oefter und laenger, denoch schaffe ich es die prophezeite Aufstiegszeit von 2,5 Stunden um eine Halbe zu unterbieten. Am Gipfel angekommen bitte ich einen japanischen Herren ein Foto von mir zu machen (siehe weiter unten). Der aufmerksame Beobachter erkennt darauf die Sonnenbrille. Auf dem eigentlichen Gipfel wird mir gleich angeboten ein Foto von mir zu machen. Die Sonnenbrille ist zu diesem Zeitpunkt allerdings verschwunden.
Keine zehn Minuten spaeter erreichen zwei junge Japaner den Gipfel und steuern schnurrstracks auf mich zu. In der Hand halten sie dabei, dreimal duerft ihr raten…meine Sonnenbrille. Den japanischen Sitten entsprechend zeige ich mich zuvorkommend und teile meine Schokolade. Daraus entsteht dann ein Gespraech, das mit chotto (wenig) Englisch, meinem japanischen Phrasenbuch und mit Haenden und Fuessen gefuehrt wird. Wenn man will versteht man sich. Mizuki und Hiro sind aus Nagano. Sie ist wenn ich es richtig verstanden habe social worker und er macht ausser Noise music nichts weiter. Die beiden bestehen darauf, dass ich sie bei sich zu Hause besuche und wir verabreden, dass ich wenn ich am Freitag von meiner Tour diese Woche wiederkomme von ihnen am Bahnhof von Nagano aufgegabelt werde. Dann ist eine “Chulian welkom patty” geplant. Da der Brauch es verlangt, dass der Gast ein Geschenk mitbringt habe ich heute (26.5.) in Tokio einen japanischen Reisefuehrer ueber Deutschland gekauft. Ich hoffe der Wink mit dem Zaunpfahl wird verstanden und als Einladung zum Gegenbesuch aufgenommen.
Zusammen haben wir uns nach drei Stunden an den Abstieg gemacht und nach anderthalb Stunden haben wir den Fuss des Berges wieder erreicht und netterweise werde ich noch nach Hause gefahren. Dort oben ist man der Sonne auf jeden Fall naeher und daher faerbt sich im Laufe des Abends mein Nacken und die Handruecken leicht roetlich. Der erste Sonnenbrand.